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Der Tempelberg-Streit in Karikaturen


30.07.2017, Jerusalem

Karikaturen sind ein beliebtes Stilmittel in der arabischsprachigen (Netz-)Welt, um politische Konflikte zu kommentieren, zu deuten, zu verspotten  oder anzuheizen. Der Streit um neue Sicherheitsmaßnahmen am Tempelberg (für Muslime: Haram Ash-Sharif) und die israelischen Zugeständnisse, die viele Muslime als Kapitulation interpretieren, haben etliche Zeichner inspiriert. Eine Auswahl:

Quelle: Arabnews.com

Quelle: Arabnews.com

Während die libanesische Hisbollah und der sogenannte „Islamische Staat“ (arabisches Akronym: Daesh) miteinander ringen, heimst ein israelischer Soldat mit markanter Nase sich den Tempeldom (stellvertretend für das Al-Aqsa-Plateau auf dem Tempelberg) ein.

Quelle: haramoon.com

Auf der Seite Jewishpress.com wiederum werden die palästinensischen Proteste gegen die israelischen Sicherheitsmaßnahmen am Tempelberg aufs Korn genommen:



Rote Linien in Ramallah


09.05.2017, Ramallah


„Das Recht auf Rückkehr ist unsere rote Linie… unmöglich, es aufzugeben oder Kompromisse zu machen.“

Letzte Woche feierten Israelis ihren Unabhängigkeitstag mit Feuerwerken, Zeremonien und Grillpartys am Strand; am 15.Mai begehen die Palästinenser den „Tag der Nakba“ – Nakba, Katastrophe, bezieht sich auf die Hunderttausenden palästinensischen Araber, die während des israelischen Unabhängigkeitskrieges 1948 aus dem Land flohen oder vertrieben wurden. Dieser Tage ist Ramallah gepflastert von Plakaten, auf denen das „Recht auf Rückkehr“ beschworen wird, sprich die Rückkehr der damals geflohenen Palästinenser sowie ihrer Nachkommen ins heutige Israel.

Zusammen sind das heute fünf Millionen Menschen, die Israel (acht Millionen Einwohner, davon 20% Araber) über Nacht in einen mehrheitlich arabisch-muslimischen Staat verwandeln würden. Dass Israel das nie zulassen wird, dürfte auch dem PLO-Komittee klar sein, das den Druck der Plakate in Auftrag gegeben hat. Ganz zu schweigen davon, dass die Forderung sich schwerlich mit der so oft beschworenen Zwei-Staaten-Lösung vereinbaren lässt. Allerdings stehen neben dem Nabka-Tag im Westjordanland auch Kommunalwahlen an, da macht sich ein wenig Nationalismus nicht schlecht.

 

 

Picknick und Gebete am Jordanfluss


22.01.2017, Amman

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Einmal im Jahr, zum Dreikönigsfest, klettern Jordaniens orthodoxe Christen in nicht mehr ganz frische Reisebusse und lassen sich zum Jordan-Fluss fahren, an jene Stelle an der nordwestlichen Grenze Jordaniens, an der einst Jesus getauft worden sein soll. Priester in dunklen Roben, quirlige schwarzgelockte Kinder, großzügig geschminkte Mädchen, Jungs in Lederjacken, ältere Damen mit hennagetönten Haaren – im Familienverband, mit Freunden und Kollegen pilgerten jordanische Christen am Freitag zum Jordan, der im Laufe der letzten Jahrhunderte zu einem eher kläglichen bräunlichen Gewässer verkommen ist. In einer orthodoxen Kirche, ein Sandsteingebäude mit golden glänzender Kuppel nah am Flussufer, drängten sich die Gläubigen zum Gebet, während das Fest draußen eher die Form eines übergroßen Familienpicks annahm: Die Angereisten machten es sich auf Plastikstühlen bequem, packten ihre mitgebrachten Pita-Brote und Dattelkekse aus, rauchten und plauderten.

Unter die äußerlich gelöste Stimmung mischten sich allerdings bei näherem Hinhören ein paar nervöse Untertöne. Auffällig viele Soldaten und Polizisten sicherten das Areal vor dem Fluss, weit mehr als in früheren Jahren, raunten manche Teilnehmer. Im letzten Herbst wurde ein christlicher Autor und Karikaturist in Amman auf offener Straße von einem radikalen Islamisten erschossen, und mehrere IS-Anschläge haben das Land in den vergangenen Monaten erschüttert; offenbar Anlass für die Regierung, den Schutz der christlichen Minderheit zu verstärken. Und in der Tat tauschten viele Christen an diesem Tag nicht nur Tratsch und Freundlichkeiten aus, sondern auch ihre Sorgen angesichts den Entwicklungen in der Region und ihre Ängste vor islamistischen Fanatikern.

Jordanien gilt als eine seltene Bastion der Stabilität im Herzen des Nahen Osten, die sich allerdings von Krieg und Anarchie jenseits der Grenzen bedroht sieht (gerade diese Woche verübte ein noch unbekannter Täter einen Anschlag auf syrische Flüchtlinge unmittelbar an der jordanischen Grenzen) und im Innern mit Extremismus, massiver Jugendarbeitslosigkeit und der Versorgung von über einer Million syrischer Flüchtlinge zu kämpfen hat. Und so mögen manche Gebete am Jordanfluss am vergangenen Freitag wohl auch der Standfestigkeit Jordaniens gegolten haben.

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Am anderen Flussufer, jenseits der Grenze, stiegen ein paar Mutige in die braue Brühe. Im Hintergrund weht die israelische Flagge.

 

 

 

Trumps Sieg – so wurde er in Israel verfolgt


11.11.2016, Tel Aviv

Ein paar Tage vor der US-Wahl veröffentlichte die Haaretz eine Karikatur von Israelis vor einem Falafel-Imbiss, fachsimpelnd über die jüngsten Umfragen: „Keine Chance, dass er in Utah und Arizona verliert… auf North Carolina kann man nicht zählen…“ Natürlich, die ganze Welt verfolgte den US-Wahlkampf, aber in Israel schaute man besonders genau hin. Wer in Washington regiert, hat schließlich die Macht, die Geschicke des Nahen Osten mitzubestimmen, ob durch Eingreifen (Bush im Irak) oder Aussitzen (Obama in Syrien). Dazu gilt USA als Israels Sicherheitsgarant: „Er/sie ist besser für Israel“ – so erklärten viele Israelis ihre Präferenz für einen der Kandidaten.

TrumpsSiegZeitschriftenAuch in Israel beherrschte Trumps Triumph die Titelblätter

Am frühen Mittwochmorgen, während die Stimmen noch gezählt wurden, lud das Institute für National Security Studies (INSS), eins der wichtigsten israelischen Think Tanks, zum Wahlbriefing. Die Stimmung war gedämpft: Wie andernorts hatten die meisten Journalisten und Experten hierzulande Trump lange nicht ernst genommen. „Das ist der Beginn einer neuen Ära“, murmelte ein israelischer Journalist, den Blick fassungslos auf die Leinwand gerichtet, auf der CNN lief.

„Wir sind schon den ganzen Abend im Schockzustand“, meldete Dan Kurzer, ehemaliger US-Botschafter in Ägypten und Israel, per Skype zugeschaltet aus den USA. Seine Prognose für Nahost: Ein erratischer Präsident wie Trump würde die Zusammenarbeit mit wie Saudi-Arabien, die ohnehin schon an Amerikas Verlässlichkeit zweifeln, erheblich erschweren. In Israel wiederum könnte Trump sich mit der „messianisch-zionistischen Rechten“ verbünden, diese gar darin unterstützen, das Westjordanland zu annektieren und dem komatösen Friedensprozess den Todesstoß versetzen. „Wir haben eine sehr schwere Phase vor uns.“

Ebenfalls per Skype warnte der frühere Kongress-Abgeordneten Larry Smith davor, sich über die scheinbar pro-israelische Haltung Trumps zu freuen: „Viele Menschen, die Trump gewählt haben, sind keine Freunde Israels und keine Freunde der Juden.“ Schließlich hat Trump selbst schon mit antisemitischen Symbolen geflirtet, eine Anti-Clinton-Collage mit David-Stern retweetet und von einer Verschwörung internationaler Finanzeliten gesprochen, Vorfälle, über die in der israelischen Presse breit berichtet und debattiert wurde.

Sallai Meridor, früherer israelischer Botschafter in den USA, riet der israelischen Seite, die bilaterale Beziehung stärker auf beidseitige Kooperation zu gründen, für den Fall, dass Trumps Amerika sich stärker nach innen wenden und der traditionellen Unterstützung des kleinen Verbündeten eines Tages müde werden sollte. Der US-Botschafter in Israel, Daniel Shapiro, beendete die Veranstaltung mit einer naturgemäß diplomatischen Ermunterung, Trumps vollmundige Ankündigungen nicht so ernst zu nehmen: „Die Wahlkampfpolitik des ‚Alles ist möglich‘ verwandelt sich im Amt in eine Politik dessen, was möglich ist.“

Die israelischen Medien reagierten gemäß ihrer politischen Koordinaten: von der sich gruselnden Haaretz („Ist dies das Ende der Welt?“) bis zur triumphierenden Israel Hayom, dem regierungstreuen Gratisblatt, hierzulande Israel als „Bibiton“ verspottet (eine Kombination aus „Iton, Hebräisch für Zeitung, und „Bibi“, dem Spitznamen Netanjahus). In liberalen Tel Aviver Kreisen dürfte die Stimmung vergleichbar sein mit jener in weiten Teilen Deutschlands: Schock, Unglauben, Ekel.

Natürlich gibt es israelische Trump-Fans, vor allem unter Anhängern der Siedler-Bewegung und der hartrechten Partei „HaBeit HaYehudi“, die sich freuen, dass Trumps Israel-Berater David Friedman wie sie selbst von einem biblischen Groß-Israel träumt. In meinem Bekanntenkreis habe ich keine gefunden; selbst ein leidenschaftlicher „Likudnik“, Anhänger der rechten Partei Benjamin Netanjahus, hätte für Clinton gestimmt und hält Trump für „verrückt“.

Einzig und ausgerechnet eine arabisch-muslimische Studentin konnte Trumps Sieg am Tag nach der Wahl etwas abgewinnen: „Mir ist er lieber“, sagte sie, „Clinton ist eine Heuchlerin. Trump sagt immerhin ehrlich, dass er uns Muslime hasst.“

 

 

Food Art im Wohnzimmer: Das Laubhüttenfest bei den Samaritanern


23.10.2016, Cholon, Israel


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Es gibt ein paar Wochen im Oktober (manchmal auch im September, das variiert mit dem jüdischen Kalender), an dem man als Gast in Israel leicht den Überblick verliert: Welchen Feiertag haben wir gerade? Wann hat mal wieder der Supermarkt auf, und für wie viele Tage sollte man im Voraus einkaufen, weil demnächst wieder alles dicht macht? Die Feiertag-Serie beginnt mit Rosch HaSchana, dem jüdischen Neujahr, kurz darauf folgt Yom Kippur, fünf Tage später dann Sukkot, das Laubhüttenfest, das sich wiederum fünf Tage hinzieht und direkt abgelöst wird von einem eintägigen Fest namens Simchat Torah. Muss man in dieser Phase Artikel abliefern oder sonstige wichtige Dinge erledigen, ist das eher ungünstig, denn auch die wenigen Arbeitstage zwischen den Festen werden nicht so sehr ernst genommen. Am Tag zwischen Schabbat und Sukkot, einem regulären Arbeitstag, erklärte mir ein Beamter am Telefon, dass das Büro, das ich eigentlich erreichen wollte, nicht besetzt sei, weil „morgen Feiertag“ sei, als handele es sich dabei um die größte anzunehmende Selbstverständlichkeit. Israeli müsste man sein.

Nun liegt der diesjährige Feiertagsmarathon in den letzten Zügen: Heute geht Sukkot zu Ende, das Laubhüttenfest. Nicht nur Juden feiern es, auch die Samaritaner. Nur knapp 800 gibt es weltweit von ihnen, sie leben in Cholon bei Tel Aviv und auf dem Berg Garisim im Westjordanland. Ihr Erbe führen sie auf zwei israelitische Stämme im Nordreich Israel zurück. Während die Bewohner des Südreichs Judäa im Exil wichtige Elemente des Judentums entwickelten, verpassten die Israeliten im Norden diesen Prozess. Deshalb feiern ihre Nachfahren heute zwar biblische Feste wie Pessach und Sukkot, nicht aber solche, die im Talmud verankert sind (z.B. Chanukkah). Und sie geben den Festen ihren eigenen Touch: Zu Pessach opfern sie Schafe auf dem Berg Garisim; und an Sukkot bauen sie die Sukka, die traditionelle Holzhütte, nicht wie die Juden vor dem Haus auf, sondern mitten im Wohnzimmer und schmücken sie mit Hunderten von Früchten. Sieht hübsch aus und – das bringen die Fotos leider nicht rüber – riecht noch besser.

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Ein Samaritaner-Hohepriester in seiner Wohnzimmer-Sukka in Cholon

Mehr über die Samaritaner:

Aktuell zu Sukkot: „In the West Bank, Samaritans Provide a Sanctuary, New York Times, 18.10.2016

„Glaube, Liebe, Disziplin“: Wie die winzige Gemeinde der Samaritaner ihr Überleben sichert. Christ & Welt/Zeit Online, 16.09.2016

 

 

„Davka“ – wie Tel Aviv mit dem Terror umgeht


16.03.2016, Sarona-Markt, Tel Aviv, Israel

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 Davka ist ein sehr israelisches Wort (und so rätselhaft für Nicht-Muttersprachler, dass die englische Ausgabe der Haaretz ihm einen Artikel gewidmet hat). Seine Bedeutung variiert mit Kontext und Betonung, es kann „absichtlich“ heißen oder „genau dann“, meistens aber meint es „trotzdem“ und: „jetzt erst recht“. Davka beschreibt wie kein anderes Wort die Haltung, mit der viele Israels dem jüngsten Terroranschlag begegnen.

Letzten Mittwoch setzten sich zwei Palästinenser ins Max-Brenner-Café im Sarona-Markt, einer gehobenen Shopping- und Restaurant-Oase in Tel Aviv, bestellten erst Dessert, sprangen dann auf und schossen um sich. Vier Menschen starben, 16 wurden verletzt. Unter den kleineren und größeren Attacken der letzten Monate, viele davon verübt von Teenagern mit Scheren, Schraubendrehern und Messern, sticht dieser heraus: Einerseits wegen der hohen Opferzahl, andererseits, weil die beiden Attentäter vergleichsweise gut vorbereit waren. Sie trugen Anzüge, als hätten sie gerade das Büro verlassen, und kamen in den Abendstunden, zu einer Zeit, in der sich Sarona mit Leben füllt. Vor allem junge Leute treffen sich hier, zum Date, Geburtstag oder Feierabend-Bier.

Tel Aviv gilt in Israel als Blase, eine gefühlte Weltreise entfernt vom Palästina-Konflikt, und kaum ein Ort verkörpert diese Blase so sehr wie Sarona mit seinen Sushi-Restaurants, Coffeeshops und französischen Delikatesse-Läden. Es verlockt deshalb, zu sagen: Der Anschlag der letzten Woche hat die hedonistischen Tel Aviver aus ihrem Traum gerissen.

Aber so ist es nicht. Auch Tel Aviv kennt Krieg und Terror, es denkt nur nicht gern dran. (Zuletzt erschoss ein Attentäter an Neujahr zwei junge Männer in einer Bar.) Man kann das erstaunlich finden, beindruckend oder erschreckend – Fakt ist: Israelis sind an Gewalt gewöhnt, viele haben eine Art Routine entwickelt, mit der sie auf die Nachricht eines Anschlags reagieren (kurz per WhatsApp checken, ob Freunde und Verwandte in Ordnung sind), und der Angst nachzugeben, gilt als Schwäche und als Kniefall vor dem Feind. Deshalb geht das Leben dort, wo eben noch Menschen umkamen, nach kürzester Zeit scheinbar weiter wie bisher; deshalb sitzen heute, ein paar Tage nach der Schießerei, wieder ältere Damen, junge Paare und Familie mit Kleinkindern im Max-Brenner-Café, als gäbe es keinen unschuldigeren Ort, einen Nachmittag zu vertrödeln.

„Fühlt sich normal an“, sagt ein junger Kellner, grinst und zuckt die Schultern. „Man kann ja nichts machen.“

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MaxBrennerSarona3_klEine provisorische Gedenkstätte gegenüber vom Café ist die einzig sichtbare Erinnerung an den Anschlag.